Sollte ich jeden Auftrag annehmen, den ich bekommen kann?

Mandy Henze · Unternehmensberaterin · · 6 Min. Lesezeit

Ein neuer Auftrag ist zunächst eine gute Nachricht. Er bringt Umsatz, vielleicht neue Kunden und Folgegeschäft. Trotzdem ist nicht jeder Auftrag, der Umsatz bringt, auch gut für das Unternehmen. Manche binden unverhältnismäßig viel Kapazität, passen nicht zur eigenen Ausrichtung oder lassen sich nur zulasten anderer Kunden erfüllen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Können wir diesen Auftrag annehmen? Sondern: Wollen wir ihn – und können wir ihn unter unseren Bedingungen gut erfüllen?

15 Gäste, 40 Plätze – und ein Abend, der nicht funktioniert

Vor Kurzem war ich mit einer Gruppe von 15 Personen essen, in einem kleinen Restaurant mit ungefähr 40 Plätzen. Die Tische ließen sich zusammenschieben, räumlich passte alles. Wir bestellten ganz normal von der Karte.

Die Vorspeisen kamen nach etwa einer Stunde. Auf die Hauptgerichte wartete ein Teil von uns rund zwei Stunden. Als die Ersten längst fertig waren, bekamen die anderen gerade ihr Essen.

Woran es lag, kann ich von außen nicht sagen. Vielleicht war die Küche nicht für so viele gleichzeitige Bestellungen ausgelegt, vielleicht fehlte an diesem Abend Personal. Mich hat eine andere Frage beschäftigt: Wie wurde entschieden, diese Reservierung unter diesen Bedingungen anzunehmen?

Das Restaurant hatte nicht einfach 15 Gäste gewonnen. Es hatte die Erwartung übernommen, 15 Menschen in angemessener Zeit zu bewirten. Gelingt das nicht, steht mehr auf dem Spiel als der Umsatz eines Abends.

Was ein Auftrag kostet, zeigt nicht allein die Rechnung

Ein Auftrag bindet neben Material und Personal auch Zeit, Aufmerksamkeit und Kapazität. Im Restaurant belegten 15 Gäste rechnerisch gut ein Drittel der Plätze. Die eigentliche Grenze kann aber ganz woanders liegen, etwa bei der Zahl der Gerichte, die gleichzeitig zubereitet werden können. Ein Auftrag kann also machbar aussehen und trotzdem einen Engpass auslösen.

Das gilt auch außerhalb der Gastronomie, etwa für einen Handwerksbetrieb, der einen kleinen Zusatzauftrag annimmt, für den mehrfach Anfahrt und Abstimmung nötig werden. Ein solcher Auftrag muss nicht schlecht sein. Entscheidend ist, ob sein wirtschaftlicher Beitrag und seine Anforderungen zum Unternehmen passen – und ob die gebundene Kapazität an anderer Stelle fehlt.

Der Auftrag, den Sie annehmen, kann einen anderen verhindern

Der neue Auftrag ist sichtbar. Der Auftrag, für den danach keine Zeit mehr bleibt, oft nicht.

Ein Unternehmen kann sehr viele Anfragen bearbeiten und trotzdem kaum Kapazität für seine wirtschaftlich interessanten Bestandskunden haben. Die Mitarbeiter sind ausgelastet, die Auftragsbücher voll. Aber wichtige Kunden warten auf Rückmeldung, zusätzliche Leistungen werden nicht angeboten, vielversprechende Anfragen bleiben liegen. Das Problem ist dann nicht, dass zu wenig gearbeitet wird, sondern dass die Kapazität nicht dort eingesetzt wird, wo sie am meisten bewirkt.

Das heißt nicht, dass jeder Auftrag mit geringer Marge abgelehnt werden sollte. Er kann Folgegeschäft bringen, zur Auslastung beitragen oder bewusster Teil des Angebots sein. Problematisch wird es erst, wenn diese Entscheidung gar nicht bewusst getroffen wird.

Welche Kunden wollen Sie eigentlich haben?

Viele Unternehmen können genau beschreiben, welche Kunden sie heute haben. Schwieriger ist die Frage, welche sie künftig haben wollen. Ein Versicherungsvermittler kann auf viele standardisierte Verträge setzen oder auf die umfassende Betreuung ausgewählter Kunden – beides funktioniert, braucht aber unterschiedliche Abläufe, Kompetenzen und Kapazitäten.

Schwierig wird es, wenn ein Unternehmen alles anbieten und jede Anfrage bedienen will, ohne die nötigen Ressourcen vorzuhalten. Dann entscheidet der Alltag: Wer gerade anruft, bekommt Aufmerksamkeit. Ob das für das Unternehmen wichtig ist, bleibt offen.

Eine klare Positionierung hilft nicht nur, die richtigen Kunden zu gewinnen. Sie hilft auch, die falschen Aufträge zu erkennen.

Manchmal braucht ein Auftrag nur andere Bedingungen

Zurück ins Restaurant. Vielleicht hätte die Gruppe gut bewirtet werden können: mit vorbestellten Gerichten, einer kleineren Karte, einer abgestimmten Ankunftszeit oder einem Termin außerhalb der Hauptzeit. Vielleicht wäre es auch richtig gewesen, Gruppen dieser Größe nicht anzunehmen. Beides wäre eine bewusste Gestaltung des Angebots.

Diese Möglichkeit haben die meisten Unternehmen. Ein Dienstleister kann bestimmte Leistungen nur in festen Paketen anbieten. Ein Handwerksbetrieb kann Mindestauftragswerte oder feste Zeitfenster festlegen. Nicht jeder Auftrag muss zu den gleichen Bedingungen angenommen werden.

Warum fällt Nein so schwer?

In der Gründungsphase ist es oft sinnvoll, unterschiedliche Aufträge anzunehmen. Das Unternehmen sammelt Erfahrung und findet heraus, womit es erfolgreich sein kann. Doch was anfangs hilfreich war, wird später leicht zur Gewohnheit. Jede Anfrage gilt als Chance, jede Ablehnung fühlt sich wie ein Verlust an – besonders, wenn klare Kriterien fehlen.

Dabei kann ein bewusstes Nein die Voraussetzung sein, andere Aufträge besser zu erfüllen. Nicht weil ein Unternehmen weniger leisten soll, sondern weil es entscheiden muss, wofür es seine Ressourcen einsetzt.

Fünf Fragen, bevor Sie den nächsten Auftrag annehmen

Sie müssen nicht für jede Anfrage eine Wirtschaftlichkeitsrechnung erstellen. Bei ungewöhnlichen, großen oder aufwendigen Aufträgen lohnt sich aber ein kurzer Check:

  1. Passt der Auftrag zu unserem gewünschten Kunden- und Leistungsprofil? Oder nehmen wir ihn an, weil er gerade da ist?
  2. Wo genau würde der Auftrag eng? Nicht nur bei der eigentlichen Leistung, sondern auch bei Vorbereitung, Abstimmung und Nachbetreuung. Und ist das dieselbe Stelle, an der Ihre wichtigsten Kunden Kapazität brauchen?
  3. Welchen wirtschaftlichen Beitrag erwarten wir tatsächlich? Neben dem Umsatz auch Aufwand, Marge und mögliches Folgegeschäft.
  4. Was können wir nicht tun, wenn wir diesen Auftrag annehmen? Welche Kunden, Aufträge oder Aufgaben konkurrieren um dieselbe Kapazität?
  5. Unter welchen Bedingungen wäre der Auftrag sinnvoll? Mit anderem Preis, klarerem Leistungsumfang, längerer Vorlaufzeit oder angepasster Bearbeitung?

Diese Fragen ersetzen keine Kalkulation. Sie helfen aber, eine Auftragsentscheidung nicht allein vom erwarteten Umsatz abhängig zu machen.

Wenn die Auftragsbücher voll sind

Hohe Auslastung kann ein Zeichen von Erfolg sein. Sie kann aber auch verdecken, dass Kapazität ungünstig eingesetzt wird. Wer dann sofort Personal einstellt, entlastet vielleicht einen Engpass – oder vergrößert eine ungünstige Auftragsstruktur dauerhaft. Welche weiteren Gründe es gibt, wenn der Umsatz steigt, aber nicht der Gewinn, beschreibe ich in einem eigenen Beitrag.

Häufige Fragen

Wann sollte ein Unternehmen einen Auftrag ablehnen?

Wenn er nicht zur Ausrichtung passt, keinen ausreichenden wirtschaftlichen Beitrag erwarten lässt oder die Kapazität so stark bindet, dass andere Verpflichtungen gefährdet sind. Oft lohnt es sich aber, vorher andere Bedingungen oder einen angepassten Leistungsumfang zu prüfen.

Sind Aufträge mit geringer Marge grundsätzlich schlecht?

Nein. Sie können zur Auslastung beitragen, Folgegeschäft ermöglichen oder Teil einer bewussten Kundenstrategie sein. Entscheidend ist, dass das Unternehmen ihren tatsächlichen Aufwand kennt und weiß, welche Rolle sie im Geschäftsmodell spielen.

Wie erkenne ich, welche Kunden für mein Unternehmen besonders wertvoll sind?

Nicht allein am Umsatz. Wichtig sind auch der wirtschaftliche Beitrag, der Betreuungsaufwand, die langfristige Zusammenarbeit und die Passung zum eigenen Angebot.

Was tun, wenn wir viele Aufträge haben, aber trotzdem überlastet sind?

Zuerst klären, woher die Überlastung kommt: fehlende Kapazität, ineffiziente Abläufe, unklare Verantwortlichkeiten oder eine Auftragsstruktur, die nicht zur Ausrichtung passt. Erst danach lässt sich beurteilen, ob Personal, veränderte Abläufe oder eine andere Kundenauswahl sinnvoll sind.

Sie sehen, was nicht funktioniert. Ich finde mit Ihnen heraus, warum.

In meiner Unternehmensdiagnose schaue ich mir an einem Tag vor Ort an, wie Ihr Angebot, Ihre Kunden, Ihre Kapazitäten und Ihre Organisation zusammenspielen. Sie erfahren, wo Engpässe entstehen, welche Ursachen dahinterliegen und wo Sie zuerst ansetzen sollten.

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Wie die Unternehmensdiagnose abläuft
Mandy Henze

Mandy Henze, MBA
Unternehmensberaterin für inhabergeführte Unternehmen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen · Schwerpunkte Führung, Strategie, Change